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Innenministerkonferenz '06

Statt Innerer Sicherheit - soziale Rechte für alle!

Vom 15. – 17. November 2006 treffen sich in Nürnberg die Innenminister und –senatoren der Bundesländer, Bundesinnenminister Schäuble und der Präsident des Verfassungsschutzes Heinz Fromm zu ihrer halbjährlichen Innenministerkonferenz (IMK). Auf der Tagesordnung stehen laut Beckstein „eine effektive Terrorismusbekämpfung“, die Evaluierung des 2005 eingeführten „Zuwanderungsgesetzes“ sowie „verstärkte Anstrengungen zur Durchsetzung der Ausreiseverpflichtung vollziehbar ausreisepflichtiger Ausländer“. Konkret heißt dies: zahlreiche weitere Gesetzesverschärfungen sowie die drohende Abschiebung von Hunderttausenden bisher geduldeter Flüchtlinge. Wenn wir also eine wahre Abschiebeflut und damit eine „humanitäre Katastrophe“ vor unserer eigenen Haustür verhindern wollen, dann gibt es nur eins: den Widerstand am 16.11. auf die Straße tragen und gemeinsam mit antirassistischen Initiativen das seit Jahren geforderte Bleiberecht für Flüchtlinge fordern!

Bleiberecht jetzt und zwar für alle!
Aufgrund des verschärften Asylrechts seit den 90er Jahren ist es in Deutschland kaum möglich Asyl zu erhalten. Dennoch können die meisten Antragsteller/innen aufgrund von Kriegszuständen in den Heimatorten, fehlender Rücknahmebereitschaft der Herkunftsländer oder individuellen Notlagen nicht so einfach abgeschoben werden. Das Ergebnis ist in der Regel eine 3monatige „Duldung“, die im Viertel- oder Halbjahresrhythmus verlängert wird. Diese „Kettenduldungen“ ziehen sich in den meisten Fällen über Jahre hinweg. Ein Leben mit „Duldung“ heißt ein Leben in absoluter Armut (Asylbewerberleistungsgesetz und Unterbringung in sog. Gemeinschaftsunterkünften), heißt Residenzpflicht (die Einschränkung der Bewegungsfreiheit auf das jeweilige Bundesland oder den Regierungsbezirk), heißt de facto Ausbildungs- und Arbeitsverbot, da nur Arbeiten nachgegangen werden darf, die kein/e Deutsche/r, EU-Bürger/in oder Migrant/in mit Arbeitsbewilligung ausüben möchte. Geradezu paradox ist es, wenn die Innenminister sich nun damit brüsten, eine Bleiberechtsregelung für diejenigen „Altfälle“ finden zu wollen, die hier für ihren eigenen Lebensunterhalt aufkommen können.
Etwa 190.000 Menschen werden gezwungen unter den Bedingungen der „Halblegalität“ in Form einer „Duldung“ zu leben. 120.000 davon leben seit mehr als 5 Jahren in Deutschland, knapp 50.000 seit mehr als 10 Jahren. Wir fordern das bedingungslose Bleiberecht für alle und die Beendigung der inhumanen Asylpolitik der BRD!

Zuwanderungsbegrenzung stoppen! – Offene Grenzen für alle!
Das jüngste Kind der Innenminister das sog. „Zuwanderungsgesetz“ ist laut ministeriumseigenem Evaluationsbericht ein Erfolg auf der ganzen Linie. Zuwanderung nach Deutschland ist kaum mehr möglich, wo noch Schlupflöcher übersehen wurden, soll effektiv nachgebessert werden. Die Liste an „Verbesserungsvorschlägen“ scheint endlos und der Phantasie sind wie immer, wenn es um die Ausgrenzung und Entrechtung von Migrant/innen geht, keine Grenzen gesetzt. Da soll ausgewiesen werden können, wer als „Ausländer/in“ Hartz IV bezieht, da sollen die Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Menschen, die zu Integrationskursen verpflichtet werden, im Ausländer- und Sozialrecht ausgeweitet werden und da sollen Ausländerbehörden berechtigt werden, aufenthaltsrelevante Vaterschaftsanerkennungen anzufechten. Selbst in der Asylpolitik sind repressive Verschärfungen immer noch möglich: Jugendliche und heranwachsende Asylsuchende sollen Behörden ihre Minderjährigkeit beweisen und die Ankündigungs-pflicht der Abschiebung bei Auslaufen der Duldung soll abgeschafft werden. Um überhaupt mehr und schneller abschieben zu können, soll eine überstaatliche Kooperations-bereitschaft bei Abschiebungen mit finanziellen Zugeständnissen erpresst werden. Becksteins oberstes Ziel für die IMK ist es, die „Rückführungen“ nach Afghanistan und in den Irak 2006 endlich in Gang zu bringen, während das Auswärtige Amt eindringliche Reisewarnungen für Afghanistan ausgibt bzw. zum Verlassen des Iraks rät – doch Sicherheitsinteressen gelten wohl nur für Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Zuständig für die Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg.
Eineinhalb Jahre „Zuwanderungsgesetz“ sind eineinhalb Jahre zu viel! Wir fordern die Abschaffung dieses rassistischen Gesetzes, das Menschen mit Migrationshintergrund in der sozialen Hierarchie noch weiter degradiert, das die komplette Kontrolle, Datenüberprüfung und –speicherung aller Migrant/innen im Ausländerzentralregister vorschreibt, das alle Migrant/innen unter Terrorverdacht stellt.

Statt innerer Sicherheit, soziale Sicherheit für alle!
Der „Krieg gegen den Terror“ macht keine Gesetzesverschärfung undenkbar. War die Trennung von Geheimdienst und Polizei aus den Erfahrungen des Faschismus eigentlich grundgesetzlich verankert, funktioniert der Informationsaustausch zwischen Polizei und Nachrichtendiensten über das „Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ)“ inzwischen reibungslos. Die Errichtung einer zentralen „Antiterrordatei“, ist bereits beschlossene Sache. Zur weiteren Diskussion steht nun, inwieweit „rechtliche Regelungen, etwa des Datenschutzes, einer effektiven Bekämpfung des Terrorismus und der Kriminalität“ im Wege stehen.
Über RFID-Chips in Ausweisen und Pässen, über Telefon und Handy, über öffentliche Kameras sind wir alle ständig und überall überwach- und kontrollierbar. Notwendig sei dies alles, so wird uns gesagt, weil wir in einer „Welt des Terrors“ leben würden. In den Zeitungen, in den Nachrichten, die Bedrohung scheint immer und überall gegenwärtig zu sein - in der Regel kombiniert mit rassistischen Stereotypen und Vorurteilen. Die „Freiheit“ als zentraler westlicher Wert sei bedroht – und so wird derzeit als weiterer schutzwürdiger Begriff die „Sicherheit“ propagiert – der „Freiheit“ zuliebe. Freiheit bedeutet allerdings lediglich die Freiheit der bürgerlichen, patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaft: Freiheit, Produktionsmittel zu besitzen oder eben nicht. Freiheit, sich als Lohnarbeiter/in zu verkaufen oder sich den entsprechenden Repressalien und Sanktionen zu unterwerfen, wenn nicht. Die Ausweitung der „Inneren Sicherheit“ schränkt die Bewegungs-, Handlungs-, Meinungs- und Kommunikationsfreiheit von uns allen immer weiter ein. Und das hat seine guten Gründe, denn unser Sicherheitsempfinden hängt nicht von Überwachungskameras, Polizeipräsenz und Bundeswehreinsätzen im Inneren oder weltweit ab, sondern vielmehr von unserer alltäglichen Lebenssituation. Und diese wird zunehmend entsichert. Die Profitinteressen Weniger, zwingen immer mehr Menschen zu einem Leben unter unsicheren Bedingungen. Der Job heute, kann morgen gekündigt sein, das ALG I morgen schon in ALG II münden, das ALG II der Übergang zum Sozialgeld sein. Unsere kompletten Lebensverhältnisse werden rundum entsichert, egal ob Bildung, Gesundheit, Pflege oder Rente. Wer es sich nicht leisten kann, ist draußen, eben „sozial ausgegrenzt“.

Der Zukunft ohne jeglicher sozialen Sicherung kommt der Sozialstaat jeden Tag einen Schritt näher. Somit ist offensichtlich, dass die derzeitigen Sicherheitsverschärfungen gegen den „Terror“ die Absicherung eines Herrschaftssystems garantieren sollen, das immer mehr Menschen verarmen lässt, während Wenige ihren Reichtum sichern müssen. Doch wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!

Alles für alle!
Wir haben unsere eigene Tagesordnung: Eine Welt ohne kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung, eine Welt ohne Grenzregimes, die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit hindern, eine Welt ohne menschlich verursachte Fluchtursachen, wie Armut, Krieg, Verfolgung oder patriarchale Unterdrückung. Dafür solidarisieren wir uns mit allen, die auf der Suche nach einem besseren Leben, sich auf die Flucht begeben, Mauern, Zäune und Meere überwinden, die ein Leben in der Illegalität in Kauf nehmen, die tagtäglich Widerstand leisten gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung. Wir unterstützen den Kampf der Illegalen in den USA, die gegen eine Verschärfung der Aufenthaltsrechte und Einbürgerungsbedingungen im Frühjahr 2006 erfolgreich in den Streik und gemeinsam auf die Straße traten. Wir solidarisieren uns mit den Jugendlichen in den französischen Vororten und all den anderen, die außer Rebellion keine Perspektive haben.

Make capitalism history!
Der Politik der sozialen Ausgrenzung und Repression begegnen wir nicht nur auf Bundesebene. Sie ist eingebettet in ein europäisches und weltweites System der Kontrolle und Überwachung, einem System der Profitgier und Konkurrenz, einem System von Folter und Krieg, einem System von Ausbeutung und Unterdrückung, Armut und Reichtum. Ein solches System wird immer Menschen zur Flucht bewegen, es wird immer Grund zum Widerstand und zur Gegenwehr liefern.
Vom 06. - 08. Juni 2007 treffen sich in Heiligendamm (Mecklenburg-Vorpommern) die Regierungschefs und Außenminister der 8 mächtigsten Länder (USA, Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, England, Russland und Japan) der Welt, um Richtlinien ihrer gemeinsamen Interessen festzulegen. Neben der Aufteilung weltweiter Ressourcen (v.a. Energie), Sicherung von Märkten und Einflusssphären, Privatisierung überlebenswichtiger Güter (Wasser, Medizin, etc.) wird ein wichtiger Tagesordnungspunkt die Überwachung und Kontrolle weltweiter „Flüchtlingsströme“ sein. Diese sollen zukünftig noch besser „umgelenkt“ und von den reichen Regionen ferngehalten werden. Die europäischen G8-Länder übernehmen mit der militärischen Luft- und Meeresüberwachung entlang der afrikanischen Küste und der Errichtung sog. „Auffanglager“ in Nordafrika hierbei eine Vorreiterrolle im Bunde der G8. Tagtäglich verlieren Dutzende von Menschen ihr Leben beim Versuch die aufs Schärfste überwachten EU-Außengrenzen über Wasser oder Land zu überwinden. In Form von Massenabschiebungen werden die Gestrandeten auf brutalste Art und Weise wieder in ihre vermeintlichen Herkunftsländer zurückbefördert. Doch Flucht lässt sich nicht verbieten! Solange der Kapitalismus Menschen ihre Existenz raubt, ihnen ein menschenunwürdiges Leben aufzwingt, ihre Freiheit und Rechte einschränkt, werden sich Menschen dagegen zur Wehr setzen. Der gemeinsame Widerstand aller gegen Krieg, gegen Sozialabbau, gegen Rassismus, Sexismus und Faschismus trifft sich in der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung. Auch wir werden vom 02. - 08. Juni in Heiligendamm unseren Widerstand auf die Straße tragen!


Bleiberechtsdemonstration
zur Innenministerkonferenz
Nürnberg / 16.11.2006 / 16:30 Uhr / Lorenzkirche


Aufruf als pdf-datei (1.19 Mb, Aufruf und Flyer in einem dokument)
homepage: www.imk2006.de
UnterstützerInnen:
No-Lager-Bündnis Nürnberg, Autonome Jugendantifa (AJA), Antifaschistische Linke Fürth (ALF), Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen, Radikale Linke Nürnberg (RL), SchülerInnenbündnis Nürnberg, organisierte Autonomie (oA).